Rechtschreibung

Eine Posse nähert sich wieder einem vorläufigen Höhepunkt. Die schreibende Zunft widersetzt sich mehr und mehr den braven Beamten von der nirgendwo legitimierten Kommission für die Rechtschreibreform, nachdem diese sich als diskussionsunwillig und wenig selbstkritisch erwiesen hatte und es aktuell noch tut. Unschuldige (in dem Fall die Schüler) werden als träge Geiselmasse in Richtung Reform gespielt, ein Machtspielchen, das eher die eigene Denkmalsetzung im Blickfeld hat als die immer wieder zitierte Klientel.

Was macht man jetzt mit der Reform? Das Problem ist, das ein Teil sehr gelungen ist, ein anderer Teil Krampf mit Soße (!) und wieder ein Teil eitler Schnickschnack. Andere Dinge fehlen völlig. Erschwerend kommt hinzu, dass es kaum eine verlässliche Instanz gibt, je nach Verlag und Auflage unterscheiden sich die Wörterbücher erheblich, so dass man schon von Anarchie sprechen kann.

Krampf sicherlich die Getrennt- bzw Zusammenschreibung, deren Sinnverfälschungen und Unklarheit schon ausreichend durchdiskutiert wurde. Mal davon abgesehen hat es nicht wirklich zu einer Regelklarheit gefährt. Bspw. werden Verbindungen mit dem Partizip grundsätzlich getrennt geschrieben (blendend weiß;, gestochen scharf), jedoch mit dem Sonderfall bei Partizip I plus Fugen -s, also bewußtseinserweiternd. Anderes Beispiel: wehtun – Leid tun.
Die neue Groß/Kleinschreibung ist so unlogisch wie vorher, bleibt sich also gleich. Schnickschnack ist der Delfin oder das Niwoh, das könnte man dem Benutzer offen lassen, ohne jemanden weh zu tun. Man hätte sich jedoch beim Eindeutschwahn eine klare Regelung zur Zusammensetzung bei insb. englischsprachigen Begriffen gewünscht, die ja in modernen Texten an jede Ecke lauern. Mal schreibt man es halt zusammen, mal mit Bindestrich mal getrennt..
Unter eitlen Schnickschnack würde ich auch die neuen Trennungsregeln verbuchen, die zwar so mehr Sinn machen, aber meiner Ansicht nach nicht den wirklichen Handlungsbedarf hatten.
Vorteilhaft ist die Regelung für ss/ß und die Kommasetzung, die wenig brauchbarer Sonderfälle beraubt wurde.

Der Weg von FAZ, Spiegel und Springer Verlag ist ein deutlicher Protest gegen die Politik der “zwischenstaatlichen” Kommission und ihrer Unfähigkeit, elementare Fehler auszubessern. Ob dieser Schritt zurück wirklich hilfreich ist, wird sich noch zeigen. Ich begrüße ausdrücklich die alte Schreibweise im Feuilleton, wo die zwischenstaatliche Rechtschreibung nur frösteln lässt . Für Medien mit Hang zu kurzen Sätzen dagegen dürfte es kaum ein Unterschied machen.
Insofern bleibt die Hoffnung, dass sich im Wirrwarr diejenigen Schreibweisen herauskristallisieren, die sich als vernünftig und praktikabel erweisen. Dann kann der gute Duden in 10-15 Jahren wieder das in sein Buch aufnehmen, was sich durchgesetzt hat.
Nur eins wird hier kompromisslos immer bleiben: der Alptraum (oder ist der Alp Schwabe?).

2 Responses to “Rechtschreibung”

  1. Mittelalter Hut
    Mit einem typischen Graustufen-Eintrag, der sich weder eindeutig zu Schwarz noch zu Weiß bekennt, qualifiziert sich der Kollege vom Mauerpark zu einer weiteren Erwähnung in diesem Weblog. Er vertritt weitestgehend meine Ansichten zu diesem heuer besond…